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Die Behandlung
Die Verschreibung von Pillen aus Heilkräutern,
Wurzeln, Edelsteinstäuben oder Tierprodukten steht in der Therapie
an erster Stelle, wobei eingewandt werden muß, daß sie jedoch in
der Reihenfolge der Behandlung erst nach allgemeinen Vorschlägen
zur Änderung der Lebensführung, Diätvorschriften und weiterführenden
Religionspraktiken zur Anwendung kommt.
Die Tibetische Medizin unterscheidet zwei Arten von Heilmitteln:
Die besänftigenden und die ableitenden. Sie bilden zusammen die
innere Therapie, die vollständig auf Naturprodukten basiert. Die
besänftigenden Heilmittel stellen das Gleichgewicht der Säfte wieder
her. Die sanfteste Form einer solchen Behandlung ist die mit Dekokten,
also einer Abkochung eines pulverisierten Heilmittels, in aufsteigender
Wirksamkeit gefolgt von Pulvern, Sirups und Pillen (z.B. PADMA 28).
Medizin in Tropfenform, bei uns die häufigste Darreichungsform nach
den Pillen, kennen die Tibeter nicht. Die Kräuter können natürlich
auch zu Salben, Aschen, Zäpfchen, medizinischen Ölen und Butter
verarbeitet werden. Sie sind in Badezusätzen enthalten, in Inhalationsflüssigkeiten
und schließlich im Weihrauch, der vor allem der Gesunderhaltung
dient. Die Räucherstäbchen aus Heilpflanzen werden allerorts zu
Hause angewendet, aber auch in die ganze Welt exportiert.
Die ableitenden Heilmittel sollen den überschüssigen Körpersaft
aus dem Körper ableiten. Dies war auch eine der wichtigsten Behandlungsformen
in der Antike. Dazu werden Abführmittel, Brechmittel und Einläufe
benutzt. In gewisser Weise gehören dazu auch heiße Mineral- und
Wannenbäder oder das Baden in heißen Quellen insofern, als die im
Wasser gelösten Heilmittel zwar durch die Haut eindringen, sie andererseits
aber auch die Schweißproduktion fördern. Mit Ausnahme vielleicht
der Abführ- und Brechmittel sind auch diese Anwendungen heute sehr
selten. Abführmittel (in Europa z.B. das tibetische Heilmittel PADMA-Lax)
nimmt man z.B. bei Gelbsucht, Brechmittel bei Schleimkrankheiten
und Schnupfmittel bei Ohrenschmerzen und anfallsartigen Kopfschmerzen.
Bei Windkrankheiten sind Einläufe indiziert.
Inhalationen werden wie bei uns bei Erkrankungen der Atemwege angewendet.
Einreibungen und Massagen mit Ölen oder medizinischer Butter, Mineral-
und Dampfbäder mit Essenzen aus Heilpflanzen sind - wie bei uns
- bei Gicht, Rheuma und bestimmten Hautkrankheiten nützlich.
Reicht diese sogenannte interne Behandlung nicht aus, werden externe
Behandlungsmaßnahmen angewandt. Dazu gehören die Moxibustion (Abbrennen
von Kräuterkegeln auf der Haut), die Behandlung mit der Goldenen
Nadel - eine Art Akupunktur mit einer dicken goldenen Nadel -, Schröpfen
und kleine chirurgische Eingriffe. Größere Operationen werden seit
Jahrhunderten nicht mehr durchgeführt, obschon sie früher bekannt
waren.
Die gesamte Medizinlehre ist in den sogenannten "Vier Medizintantras"
(Gyüschi, rGyud-zhi) niedergelegt. Dieses Grundlehrbuch wurde im
12 Jhdt. von Yuthog Yonten Gonpo erstellt, ist die wichtigste Quelle
und somit die Basis für das Medizinstudium, muß jedoch durch die
mündliche Lehre erweitert werden. Die medizinische Ausbildung ist
in traditionellen Chagpori-Medizinschulen (Eisenhügel, erste Akademie
für Tibetische Medizin in Lhasa) sowie am Tibetischen Medizin und
Astrologiezentrum (Men-Tsee-Khang) in Lhasa (VR. China) und Dharamsala
(Himachal Pradesh, Nordindien) zentralisiert. Tibetische Jungmediziner
studieren im Regelfall fünf bis sechs Jahre und arbeiten zwei Jahre
praktisch, ehe sie diplomiert werden.
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